jetzt das tohuwabohu des jahres! jazz das tohuwabohu! yes!

Der Wiener Dichter Ernst Jandl ist im Juni 2000 gestorben, seine Gedichte jedoch - zumindest er bezeichnet beharrlich auch seine unkonventionellsten Sprachgebilde als Gedicht - leben weiter. Sie leben weiter als sprachliche oder gedankliche, akustische oder visuelle Experimente und Spiele, die nachvollzogen werden wollen, die benutzt werden wollen. Wer seine Texte kennt, kann leicht verstehen, dass sich dieses Weiterleben nicht auf das private Befreien von Gedichten aus den Fesseln einzelner Bücher bestehen kann. Der vitalste Aspekt an Jandl ist nicht erst nach dessen Tod die Jandl-Musik: Musik zu, mit und nach Jandl. Der Wiener Wortwinder ist mit Sicherheit der zeitgenössische deutschsprachige Dichter, der am häufigsten von Musiker vertont oder auf andere Weise künstlerisch bearbeitet worden ist bzw. immer noch wird. Denn trifft sein Werk auf weitere Spielernaturen, so ergibt sich fast zwangsläufig eine künstlerische Melange. Und wie bei Milch und Wiener Kaffee ergibt sich auch bei Musik und Wiener Lyrik eine heiße und zusätzlich spannende Mischung! Bis heute sind - teilweise unter Mitwirkung Jandls als ‚Sprecher’ der eigenen Gedichte - geschätzte 350 Jandl-Musik-Stücke entstanden, Tendenz steigend. Vom 11.-13. August treffen sich im Wuppertaler Schloss Lüntenbeck zentrale Figuren dieser Szene, in der Kunst mit Kunst auf Kunst reagiert. Ihr Motto:

tohuwabohu - jazz me if you can!

Ernst Jandl würde sagen: Ein tohuwabohu kann etwas Schlechtes sein, ein tohuwabohu kann auch etwas Gutes sein. Und als ein tohuwabohu erscheint unter manchem Blickwinkel Jandls Leben. Seine literarisches Werk spiegelt dieses Durcheinander, das der Dichter mal als Bereicherung, jedoch oft auch als Bedrohung seines Seelenfriedens wahrnahm, zweifach wider: Erstens ist auch bei Jandl das innere Getrieben-Sein der Hauptmotor für eine künstlerische Produktion, die 17 Gedichtbände und zahlreiche ‚freistehende’ prosaische, dramatische, lyrische und wie-auch-immer-zu-nennende Texte umfasst. Zweitens ist das Werk ungewöhnlich bunt: Jandl ist nicht nur ein Konkreter, nicht nur ein Sound-Poet, weder nur visueller Dichter, noch ausschließlich Tiefsinn-Schürfer. Man reduziere ihn nicht auf Wortspiele oder hermetische (unsinnige?) Dichtung! Jandl ist das alles. Und deshalb nie langweilig. Der Schauspieler Dietmar Mues, der in Wuppertal Ernst Jandls Texte an der Seite des langjährigen Jandl-Freundes Dieter Glawischnig spricht (so wie es der Dichter einst selbst tat), bezeichnet seinen Kontakt mit Jandls Werk folgerichtig als Landung „auf dem Planeten Jandl“ - hat man erst einmal einen Fuß auf dieses Rund (oder ist es eckig?) gesetzt, gibt es kein Zurück mehr, stattdessen aber viel zu entdecken: Jedes einzelne Gedicht wieder ein tohuwabohu, hier ist nichts glatt bis auf die hohe Stirn des Dichters! Es kracht und stampft, es irritiert und brüskiert, es schweigt und harrt der Interpretation. Achtung, da läuft ein Gedicht! (Oder fliegt es?) Man sah auch schon Leute lachen. Ein tohuwabohu kann etwas sehr Gutes sein! Wer mag, findet fast immer ein System, Regeln eines Spiels. Und wer mag, der macht einfach mit und erweckt die Zeilen auf dem Papier zum Leben: Spricht sie, schreit sie, stöhnt sie, singt sie auch, flötet sie, oder schickt sie durch sein Euphonium. Auch auf den Tasten eines Klaviers machen sie sich gut, es muss nicht immer ein Saxophon sein …

Ernst Jandl tut man damit einen großen Gefallen, ruft er doch: jazz me, if you can!

We can! Und wie! Zwischen dem 11. und 13. August, nah seinem 81. Geburtstag, treffen sich in Wuppertal die Generationen der Jandl-Musik: Dieter Glawischnig, der 1966 die Musik zu Jandl und Jandl zur Musik gebracht hat und die Gruppe Cercle, deren Mitglieder ebenfalls mit dem Wortmeister selbst auf der Bühne standen, haben mit Dietmar Mues einen Interpreten gefunden, der ihnen mehr als nur den Jandl macht. Auch Lauren Newton und Bertl Mütter haben mit Jandl zusammen gespielt und auch sie haben genug von ihm aufgesogen und genug eigene Energie, um ohne ihn weiterzumachen. Die eine nutzt die Stimme (ist das noch Stimme?), der andere ein Instrument (Instrument?). Das Dresdner Statttheater Fassungslos steht zwischen den Alten und den Neuen und überhaupt zwischen vielem: Die musikotheatrale Gruppe mit dem breiten Spektrum wurde noch von Jandl persönlich gesegnet. Und dann die Enkel - wie so oft um einiges ungezogener als ihre Vorfahren: sonorfeo und stadler/heinrich - jeweils mit Heimrecht im Bergischen - zeigen, was passiert, wenn man ganz unabhängig von Jandl jandlt - und dabei auch noch improvisiert.
A propos Impro: All diese vortrefflichen MusikerInnen auf einem Haufen, wer weiß, was da das Festival krönt?
A propos krönt: Erwin Grosche, legitimer Nachfolger von Hanns Dieter Hüsch und tief in Jandl verliebt, moderiert an beiden Abenden die Konzerte.

Am Sonntag nach zwei Nächten Jandl, gibt es dann eine literarische Matinee in der An Kuohn aus dem Werk Friedericke Mayröckers liest und Autoren der Jandl"nachfolge" zu Wort kommen sollen.

All dies wäre natürlich ohne Unterstützung und Förderung nicht möglich, für die wir uns an dieser Stelle recht herzlich bedanken wollen!   [... mehr]

Wie es auch ende, zu Schloss Lüntenbeck trifft sich die Schar der wichtigsten Jandl-Musikalisierer, die neben der Freude am klanglichen Gestalten und unkonventionellen Experimentieren bis zu den Grenzen ihres Mediums noch ein weiterer Aspekt mit ‚ihrem’ Ernst Jandl verbindet:

„wie verrückt arbeiten alle an neuen romanen und
wie verrückt an neuen theaterstücken und wie
verrückt an neuen gedichten und die maler
malen wie verrückt an ihren bildern und
die bildhauer hämmern wie verrückt auf ihren stein
und die komponisten tragen wie verrückt ihre häßlichen noten ein
und die musiker tag und nacht blasen wie verrückt in ihr saxophon
ihre trompete ihre posaune klarinette flöte oboe fagott“

Verrückt mag evtl. auch ein weiterer Programmpunkt erscheinen: Dieter Glawischnig - sonst „wie verrückt“ den Taktstock vor der NDR-Bigband schwingend - trifft zwei Tage vor unserem Festival die junge Bigband u.f.o. (unidentified flying orchestra), um mit dieser die an einer Auswahl aus seinen drei orchestralen Jandl-Epen zu arbeiten. Zur Aufführung kommt dieses gelingende Experiment am 12. August.

Der Planet Jandl lebt also weiter - und nimmt seine Bahn durch Wuppertal. Verpassen Sie ihn nicht! Und wer denkt: jemanden jazzen bedeute, ausschließlich Jazz zu spielen, der liegt zwar nicht farsch, abel sichelrich auch nicht lichtig!

Florian Küthmann

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